Wenn wir in den Urlaub fahren, gibt es nur noch eine Regel. Eine sehr simple Regel. Das Wort “Nein” ist verboten. Klingt unverantwortlich. Ist es auch.

Manchmal muss man Nein sagen. Es gibt Momente in denen es Sinn macht, etwas abzulehnen. Sei es das elterliche Angebot, “doch noch eine Woche zu bleiben”, die freundliche Geste des Sitznachbarn, sich “doch einen Lutscher zu teilen”, oder ein Tequila. Tequila gehört generell immer abgelehnt. Außer man hat noch nie einen Tequila getrunken. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein gut platziertes Nein kann dafür sorgen, dass wir später nicht bestohlen, krank oder verkatert sind. Aber es gibt einen Ort, an den kein Nein gehört. Und zwar auf Reisen. Wer Nein sagt, macht höchstens Urlaub. Aber weniger Neins machen aus jedem Urlaub eine Reise und bestenfalls ein Abenteuer.

Texte im Internet können viel behaupten. Aber dieser basiert auf einem Experiment. Kein wissenschaftliches. Eins, das nach zu viel Wein und einer verlorenen Wette entstanden ist. Wie alle guten Experimente. Ein Experiment, das schon fünf Jahre dauert und dazu geführt hat, dass wir von einem serbischen Grenzbeamten mit einer Waffe bedroht wurden, Parktickets von 120€ zahlen mussten oder unseren Rückflug verpasst haben und 6000km per Anhalter gefahren sind. Das klingt jetzt alles wie etwas, was man vermeiden möchte. Aber dann gäbe es diese Geschichte nicht. Und alles, was einem vom Reisen bleibt sind Geschichten. Oder Hautkrebs, wenn man sich nicht eingecremt hat.

nein

Vielleicht wäre ein Ja angebracht gewesen. Aber dann gäbs keine Geschichte

Weil Nele und ich besagte Wette verloren haben durften wir beide drei Tage lang, jede Frage die uns gestellt wurde nur noch mit Ja beantworten. Anfangs war das eher lustig für die anderen. “Tobi, hast du gefurzt?”, “Nele, möchtest du noch eine dritte Pizza?”. “Ja!”. Am nächsten Abend waren wir nur kurz am Bahnhof in Stockholm, als uns drei Leute auf Schwedisch auf dem Bahnsteig fragten, ob wir mit auf eine Party wollten. Wir hatten keine Wahl, nickten und stiegen ein. Unwissend, wo die Zugfahrt enden würde. Als der Schaffner ein paar Minuten später unser Abteil betrat, bereuten wir die Wette. Schwarzfahren in Schweden kostet nämlich mehr als 40€. Viel mehr. Er fragte uns, ob wir ein Ticket haben. Nele sagte Ja, der Schaffner nickte und zog weiter. Vier Stunden später waren wir an einem Ort in Schweden, von dem keiner wusste, wo er war. Auf der größten WG Party der Welt. Oder sowas.

nein

Der nächste Morgen lässt die Nacht erahnen.

Zwischen brennenden Sofas, die von Hochhäusern fielen und 600 Menschen. Geschlafen haben wir in einem Hochhausflur. Es gab nur ein Problem. Unser Rückflug ging gleich. Von einem Flughafen, der sich am anderen Ende des Landes befand.

nein

Da war der Flieger schon längst weg.

Kai sagte, halb im Scherz, “dann müssen wir wohl trampen”. Wir schauten uns an und antworteten “Ja”. Ich mein, hatten wir ne Wahl? 48 Stunden später verbrachten wir die Nacht auf der leeren Ladefläche von Uwe, dem wahrscheinlich nettesten LKW-Fahrer der Welt. Es war die kälteste, unverantwortlichste und günstigste Reise unsere Lebens. Und der Beginn einer Tradition. Seitdem ist das Wort Nein verboten und das ist gut so. Denn nur noch Ja zu sagen, hat uns mehr beschert, als wir uns je hätten träumen lassen. Egal ob man beim portugiesischen Stefan Raab im Auto sitzt, sich mit einem gefälschten Presseausweis in Wiener Clubs schleicht, im australischen Outback strandet oder die Beine von einem Wolkenkratzer in Montreal baumeln lässt.

 

Gastautor: Tobias Tullius –  hat sein Bett mit einer Hängematte ersetzt und das Start-up HÄNG gegründet, welches Hängematten aus Fallschirmseide vertreibt. Er weigert sich, jemals wieder Nein zu sagen. Außer zu Tequila. Aber das ist eine andere Geschichte.

Fotografie: © Tobias Tullius