Kein Medium konnte einem den aktuellen Zeitgeist so nahe bringen, wie das, was da auf MTV, MTV2, Viva und VivaPlus (Ja, es gab mal vier Musiksender) auf und ab lief. Heute gleiten Musikvideos immer mehr in die Bedeutungslosigkeit ab, obwohl sie so wichtig sind.

Es gab eine Zeit, in der Musikvideos der wichtigste Lifestyle-Lieferant waren. Man konnte in die Welt seines Musikers eintauchen und ganz nah dran sein. Und wenn dieser dann auch noch HipHop machte, erfreute sich das pubertäre Auge oft noch an allerlei nackter Haut, die durch die Videos tänzelte. Ganze Generationen haben ihren Lebensstil diesem Medium angepasst. Ist heute noch irgendwas von dieser prägenden Funktion übrig? Oder hat das Musikfernsehen die Relevanz dieser Kunstform mit ins Grab genommen? Langsam ist es ausgeblutet. Erst wurde es nach und nach durch Reality-Formate, wie Geordie Shore und Flavor Flavs verzweifelte Suche nach einer Frau verdrängt. Schließlich fielen komplette Musiksender einfach weg oder gingen ins Pay-Tv. Während Musikvideos früher noch zu regen Diskussionen in der Clique angeregt haben, hat heute schlicht und einfach niemand das Video gesehen und du stehst mit deinem Redebedarf alleine da. Yotubes Gema-Sperre macht die Lage nicht gerade einfacher.

Aber auch der Zeitgeist ist ein anderer: Wenn ich im Leben von Taylor Swift Mäuschen spielen will, folge ich ihr auf Instagram. Wenn ich wissen will, was Kanye West heute zum Mittagessen hatte, folge ich ihm auf Snapchat. Wenn ich wissen will, wie seine Pläne, Präsident zu werden, so laufen, folge ich ihm auf Twitter. Man kommt einfach nicht näher ran, als durch Social Media. Also welche Bedeutung haben diese Clips dann heute überhaupt noch? So richtige Video-Skandale gibt es auch nicht mehr. Ab und an geistert mal noch eine kleine Welle der Empörung durch die Medienlandschaft. Wenn Nicki Minaj in „Anaconda“ mit ihrem gigantischen Hinterteil quasi die Nase des Rezipienten massiert oder Rihanna in „Bitch better have my Money“ ein tarantinoeskes Blutbad anrichtet und scheinbar nur mit Blut bekleidet durch den Garten ihres Opfers flaniert.

Vielleicht muss man etwas umdenken. Vielleicht geht und ging es bei Musikvideos auch nie um wirkliche Nähe zum Musiker, sondern ums Gesamtkunstwerk. Bei der ganzen Nähe, die du zu deinem Idol durch dessen „I woke up like this“-selfies auch aufbauen magst, Musikvideos zeigen dir die komplette musikalische Identität. Die hat zwar wenig mit der Realität, sondern eben mit Selbstdarstellung zu tun, ist aber deshalb auch umso inspirierender. Und genau darauf kommt es ja eigentlich an. Inspiration. Wir brauchen mehr davon. Musikvideos sind eine eigene Kunstform und oft haben sich Menschen etwas dabei gedacht. Deshalb sollten wir ihnen wieder mehr Beachtung schenken. Zum Glück gibt es ab und an kleine Durchbrüche, die uns das vor Augen führen. Drakes Hotline Bling ist ein gutes Beispiel dafür. Das Video hat ein virales Feuerwerk an Inspiration in Form von Parodien auf Drakes Tanzstil entfacht.