„Was geht heut Abend?“ Keine andere Frage ist so bezeichnend für eine Ausgehkultur, die sich alles offen halten und nichts verpassen will. Egal, ob Konzert, WG-Party oder Netflix&Chill – jede Option hat seine Licht- und Schattenseiten. Zeit, darüber zu sprechen.

Großraumdiscos sind ein eigener Kosmos. Solange du dich den Gesetzen dieser Feier-Fabriken beugst, wirst du nicht anecken. Beachte diese Regeln und alles ist möglich.

Du triffst auf den Bevölkerungsquerschnitt

Der Vorteil an solchen mainstreamigen Feier-Fabriken ist, dass hier hunderte Menschen zusammenkommen, die alle dasselbe Ziel haben: Ordentlich auf die Kacke hauen. Du bist also unter Gleichgesinnten und man schaut dich nicht sofort komisch an, wenn du dich daneben benimmst. Doch einer Sache solltest du dir bewusst sein: Hier stößt du auf den breiten Bevölkerungsquerschnitt. Du wirst hier früher oder später auf Menschen anderer Subkulturen und deren Rituale stoßen, die dich den Glauben an die Menschheit verlieren lassen. Du denkst, dass es solche Menschen, wie sie dir in Frauentausch, Schwiegertochter gesucht oder Teenie Mütter begegnen, nicht gibt? Dann wirst du hier eines besseren belehrt. Diese sozialen Abgründe existieren nicht nur auf RTL2. Sie tanzen direkt neben dir zu „Welcome to St. Tropez“. So etwas wird dir bei einem Konzert, das einen natürlichen Menschenfilter darstellt, nicht passieren.

Du bekommst alles

In Großraumdissen manifestiert sich die moderne Partyindustrie. Alles ist dazu ausgelegt, dir auf möglichst vielfältige Art und Weise das Geld aus der Tasche zu ziehen. Hier setzt man alles daran, deine Gelüste zu befriedigen. Verschiedenste Pizzasorten, die zumindest hinter dem Spuckschutz noch köstlich aussehen, machen einen Gang zur nächstgelegen Dönerbude deines Vertrauens überflüssig. Vom feiernden Volk abgetrennte Bereiche zum Ausruhen unterdrücken das menschliche Verlangen nach Freiheit oder frischer Luft. Wenn du wölltest und nicht viel Wert auf eine ausgewogene Ernährung legst, könntest du hier locker ein paar Wochen überleben. Die menschlichen Grundbedürfnisse nach Essen Trinken und sozialer Interaktion werden schließlich befriedigt. Eigentlich ein interessantes Sozialexperiment. Eine Woche lang leben in der Großraumdisco. Vermutlich sind die Auswirkungen auf das Seelenheil ähnlich, wie nach einer Woche CIA-Folterkeller.

Es herrscht eine eigene Hierarchie

Du studierst Zahnmedizin, BWL oder irgendetwas anderes mit hohem Einstiegsgehalt und zählst dich bereits der gehobenen Mittelschicht zugehörig? Dann hast du die Rechnung ohne die hier vorherrschende Zweiklassengesellschaft gemacht. In der Großraumdisco zählt das Hier und Jetzt. Und jetzt bist du ein Student mit beschränkten finanziellen Mitteln. Ganz oben steht entweder der mit der größten Flasche Wodka, Edel-Schampus oder eben der gemieteten Lounge. Gern auch in Kombination. Du musst dich in deinem Arbeitsleben anderen Leuten unterordnen, was dich ungemein nervt? Kein Problem. Miete dir einfach eine Lounge mit dem Geld, das du beim Industriekonzern am Fließband oder bei deiner gut bezahlten Ausbildung bei der regionalen Bank verdient hast. Endlich stehst du an der Spitze und bist durch ein purpurnes Absperrtau für alle sichtbar von dem gemeinen Pöbel getrennt. Stelle ein paar Flaschen teuren Alk auf den Tisch vor dir und du wirst schnell das Gefühl bekommen, gemocht zu werden. Großraumdissen zeigen dir, dass du dir mit Geld menschliche Zuneigung kaufen kannst. Man könnte auch sagen, dass durch solche Locations die Hemmschwelle zum Bordell-Besuch sinkt. Toll.

Du bist in einem Tempel der Selbstinszenierung

Du bist neu in der Stadt, niemand kennt dich? Du wolltest schon immer mal etwas ganz Verrücktes machen? Du hast möglicherweise irgendein beliebiges Studium begonnen, um endlich den crazy Studenten-Lifestyle leben zu können? Dann hast du jetzt die Möglichkeit, dir das Image einer Partymaus zu sichern. Trink deine Jacky Cola aus, die dir vorher ein fremder Typ im Ed Hardy Shirt ausgegeben hat und schwing dich aufs Podest – wahlweise sogar mit Pole-Stange ausgestattet. Nice. Hier kannst du allen zeigen, was wirklich in dir steckt. Du willst schließlich nicht mehr das graue Mäuschen aus deiner Schulzeit sein. Du kannst dir sicher sein, dass jeder Zweite deiner Kommilitonen innerhalb der kommenden Tage davon hört. Je nachdem, was du an der Stange abgezogen hast und wie souverän du dabei gewirkt hast, wirst du in der nächsten Vorlesung ehrfürchtige oder abschätzige Blicke ernten.

Du merkst es schon. Hier herrscht das totalitäre Party-Kapital. Beuge dich dem System und den vorherrschenden Riten und dir ist ein feuchtfröhlicher Abend sicher. Hier kann deine nach Exzess lechzende Ader tagelang überdauern. Du kannst dir praktisch alles kaufen und sogar über Nacht zur lokalen Prominenz werden. Schwimmst du jedoch gegen den Strom, wirst du rasch in diesem Meer aus ekstatischem Alkoholmissbrauch und David Guetta untergehen.