„Was geht heut Abend?“ Keine andere Frage ist so bezeichnend für eine Ausgehkultur, die sich alles offen halten und nichts verpassen will. Egal, ob Konzert, WG-Party oder Netflix&Chill – jede Option hat seine Licht- und Schattenseiten. Zeit, darüber zu sprechen.

Netflix & Chill ist ein Phänomen unserer Zeit. Trotzdem lauft ihr hier schnell Gefahr, euch zum Horst zu machen. Ein, zwei Kleinigkeiten, die beachtet werden sollten.

Der zunehmende Einsatz des Begriffes Netflix & Chill hat dem klassischen Film-Date in den heimischen Wänden endgültig die Unschuld geraubt. Man kann mittlerweile von einem Trend sprechen. Dennoch musst du damit rechnen, dass nicht jeder Ahnung hat, wovon er da eigentlich redet. Wenn du also ein Angebot zu Netflix & Chill bekommst, solltest du bedenken, dass es grundsätzlich immer zu unangenehmen Situationen kommen kann. Etwa, wenn der Film vorüber ist und dein Date mit den Worten „Ich zieh mir mal etwas Bequemeres an“ und einem Zwinkern den Raum verlässt. Da für dich als routinierter „Chiller“ die Sache klar ist, sorgst du für Sexlicht und drapierst dich halbnackt auf dem fremden Bett. Dumm nur, wenn dein Date in Jogginghose und Hoodie zurückkommt und dich entsetzt anstarrt. Du perverses Ding, du.

Die Wahl des Genres

Die Sache an sich ist ja bei Weitem keine Neuerfindung. Früher war es der „DVD-Abend“, von dem man schon mit einem Augenzwinkern erahnen konnte, was sich zumindest eine Seite von diesem Stelldichein erhoffte. Heute scheint es, diese Verabredung würde eine zwangsläufige Kopulation inkludieren. Das führt einen doch unweigerlich zur Frage, zu welchem Teil des Films man eigentlich am passendsten rummacht. Und was ist überhaupt das klassische N&C-Filmgenre? Ok eins nach dem anderen. Wenn ihr es schon nicht schafft, euch zum Lachen zu bringen, dann sollte wenigstens der Film suggerieren, dass es spaßig mit dem anderen sein kann. Also alles mit -Comedy. Egal, ob Action, Romantic oder Horror. Hauptsache alles löst sich in Wohlgefallen auf. Zudem kann anhand der Flachheit der Gags, über die gelacht wird, der grobe Betrunkenheitsgrad bestimmt werden – eine nicht zu unterschätzende Variable. Die Anzahl der richtigen Momente, um aktiv zu werden, steigt grundsätzlich proportional zur Menge des billigen Fusels in euren Adern. Gleich zu Beginn eine Ansage machen, indem man den Arm umlegt? Nein. Das ist kein Kuschelabend. Und außerdem: Wenn das misslingt, werden das danach unendlich lange und unangenehme 90 Minuten. Also tu euch beiden den Gefallen und lass es.

Die Zeit ist dein Feind

Apropos Zeit: Es kann sein, dass du irgendwann checkst, dass der Film langsam auf ein Ende zusteuert und zwischen euch immer noch nichts gelaufen ist. Und nein, die 5 Minuten, in denen sich vorher eure Beine berührt haben, zählen nicht. Der Löwenanteil an Patzern passiert jetzt. Verursacht durch verzweifelte Versuche von dir, noch vor dem Abspann zu einem persönlichen Happy End zu finden. Egal wie dringlich die Lage auch sein mag: Es gibt einige Momente, in denen du auf keinen Fall versuchen solltest in den „Chill“-Teil überzuleiten. Ein Auszug:

Die traurige Stelle: Die vom Billigwein blau gefärbte Zunge in der Kehle des anderen zu versenken, tröstet nun wirklich keinen.

Die Kuss-/Sexszene: Gegen die filmisch perfekt inszenierte Romantik könnt ihr nur abstinken.

Die Stelle, an der jemand stirbt: Es gibt wirklich nur einen Grund hier aktiv zu werden: Ihr habt beide gern in eurer Kindheit Tiere gequält und seht euch den Film im Gemeinschaftsraum der geschlossenen Psychiatrie an.

Die spannende Stelle: Du versuchst gerade nicht wirklich, deinem Date die Sicht auf den alles entscheidenden Showdown zwischen Gut und Böse zu versperren oder? Sorry, aber du und deine mittelmäßigen Knutschkünste sind unwichtiger als das Schicksal des Universums.

Der entscheidende Moment

Doch nicht verzagen. Es gibt ihn, den perfekten Moment. Wenn ihr am schallendsten lacht,  euch anseht und den Spaß, den ihr am Film habt, aufeinander projiziert, sollte es kein Halten mehr geben. Also los. Macht das, wofür ihr euch vorher von Kopf bis Fuß enthaart habt. Hier schlummert vielleicht sogar das Geheimnis hinter der Erfolgsgeschichte von Netflix & Chill. Du überträgst die Emotionen, die du aus dem Film mitnimmst, auf die Person neben dir. Eure öden Lebens- und Selbstfindungsgeschichten, die ihr euch beim ersten Date um die Ohren gehauen habt, sind Nebensache. Einziger Nachteil: Wenn auch der Film mies ist, kann nicht mal der aus eurem Date ein emotionales Abenteuer machen.