Anti-Mainstream-Mucke für immer. Dachtest du damals jedenfalls. Jetzt tanzt du im Club alles weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Wie konnte es soweit kommen?

Wenn mal wieder der Musikstreamingdienst des Vertrauens streikt und einem eindrucksvoll die eigene Abhängigkeit aufzeigt, bleibt oft nur ein Ausweg: Den Rechner nach Musik durchsuchen, die einem mehr oder minder legal gehört, aber zumindest verfügbar ist. Da wird man dann zwangsläufig nostalgisch. Weißt du noch damals? Damals, als Mainstream noch ein Schimpfwort war? Egal welcher Jugendsubkultur du angehört hast – HipHop, Emo, Goth, Raver, POP war immer uncool und du wurdest mit mindestens einem schrägen Blick beworfen, wenn du so etwas wie „Ey, hör’s dir mal an, der Neue von David Guetta hat echt nen starken Chorus“ gesagt hättest. Identitätsfindung und Zugehörigkeitsgefühl durch Hass auf das Mainstream-Genre. Musikfaschismus höchster Güte.

Wenn die Jahre, die seitdem vergangen sind, außer einer mehr oder minder gefestigten Persönlichkeit und weniger Pickel, irgendeine Sache gebracht haben, dann ist es doch Toleranz. Verschwunden ist sie, die Abneigung gegen die Musik der Radiosender, der Großraumdissen und dieses einen „Musiksenders“, den es nun noch gibt. Ok machen wir uns nichts vor. Das hat meistens vermutlich weniger mit einem Reifeprozess zu tun. Eher mit der Konfrontation mit dieser Musik in den Clubs, in die man eben so geht. Während man sich solchen Orten früher verschlossen hat und dadurch ab und an auch die Sozialisation litt, gilt heute das Motto: Scheiß drauf, hauptsache tanzbar und ausrasten. Und ganz ehrlich: Dein Ich mit der unreinen Haut von damals würde dir auch ein High Five geben, wenn du auf der Tanzfläche zu Seniorita von Justin Timberlake mit dem Objekt deiner Begierde rummachst. Und irgendwann findet man es dann doch auch gar nicht so mies, was Rihanna da so macht und meint zum Kollegen: „Ey check mal Umbrella, echt dicker Beat.“