Du hast keine Lust mehr auf den immer gleichen Smalltalk beim Feiern? Du willst dich selbst neu erfinden? Ein Ausgehpseudonym eröffnet dir ein Universum ungeahnter Möglichkeiten. Deine Mama hatte damals Recht: Du kannst werden, was immer du willst. So oft du willst.

Der Typ, der dich schon den ganzen Abend anstarrt, hat sich nun endlich dazu überwunden, seine Eier in die Hand zu nehmen und dich anzuquatschen. Er wankt mit der Eleganz eines Wackeldackels auf dich zu, stellt sich vor und schließt mit der wohl unspektakulärsten aller Fragen: „Und was machst du so?“ Nicht viele Opener können so ermüdend sein. Du weißt genau, dass das, was dich gerade hoffnungsvoll anglubscht, niemals mehr, als ein relativ unbefriedigender One-Night-Stand oder eben ein unästhetisches Rummachen im Club werden wird. Allein pennen ist doof und an diesem Abend ist dir irgendwie eh alles egal. Also siehst du sogar drüber hinweg, dass der Typ Shorts trägt und gibst der Sache ne Chance. Da du jedoch schon Erfahrungen mit krankhaft Anhänglichen gemacht hast, die die Buchstaben für ihre Liebesbriefe irgendwann aus Zeitungen ausgeschnitten haben, willst du derartiges diesmal von vornerein ausschließen. Eine klassische Situation für ein Ausgehpseudonym. Also gut. Jetzt ist Kreativität gefragt. Beim Ausgehpseudonym geht es schließlich nicht darum, Menschen anzulügen oder sich selbst als besonders interessant darzustellen – ok, vielleicht zweitrangig. Es geht vielmehr darum, eine Identität zu erschaffen, die dich selbst so interessiert, dass du auch die langweiligsten Smalltalk-Fragen bei vollem Bewusstsein überstehen kannst. Ein guter Maßstab hierbei ist, dass du deine neue Identität eigentlich viel lieber kennen lernst, als dein Gegenüber. In dieser neuen, wunderbaren Welt gibt es jedoch auch Rahmenbedingungen, die beachtet werden sollten.

Die Genesis deiner neuen Identität: Der Name.

Jedes Mal wenn du dich vorstellen musst, schmerzt dir dein eigener Geburtsname in den Ohren? Kein Problem. Leg einfach den altgriechischen Namen, mit denen dir deine Eltern etwas Besonderes mit auf den Weg geben wollten, das dich von allen anderen Menschen abhebt, ab. Tauche stattdessen in eine neue Welt voller ungeahnter Möglichkeiten ein. Der Name deines Ausgehpseudonyms ist jedoch mit Bedacht zu wählen. Wenn du dich mit Chantal vorstellst, musst du gut verkaufen können, dass du Luft- und Raumfahrttechnik studierst und ein Praktikum bei der NASA gemacht hast. Man verbindet dann eben doch mit gewissen Namen einen bestimmten Werdegang. Doch grundsätzlich gilt: Kreativität siegt immer. Deshalb können es seltsamerweise auch gerade diese grundlegenden Kontraste sein, die deiner Geschichte eine überraschende Glaubwürdigkeit verleihen. Exotische Namen allgemein. Lory, Catalina, Joylina oder eben Sirius, Patrizio, Pharell – alles super. Es löst in deinem Gegenüber ein Gefühl von „das kann man sich doch nicht ausdenken, oder?“ aus. Doch, kann man.

Du bist in deinen besten Jahren. Immer.

Hier kannst du endlich deiner Komplexe Herr werden. Du bist für deinen Geschmack zu jung oder zu alt? Dein Traumalter ist zum Greifen nah. Auch hier müssen natürlich etwaige Abweichungen von deinem Äußeren plausibel begründet werden. Eine gute Möglichkeit hierzu sind Krankheiten. Irgendwas mit hormoneller Dysfunktion. Wenn du dabei ernst genug guckst, musst du auch nicht befürchten, dass jemand drauf eingeht. Du bist 19, hast den Körperbau einer/eines Zwölfjährigen und sagst, du bist 25? Kein Problem. Hormonelle Dysfunktion. Du bist Ende 30 und wärst gern nochmal Anfang 20? Hormonelle Dysfunktion. Oder du erzählst einfach irgendwas von Benjamin Button.

Du bist ein Genie auf deinem Gebiet.

Hier wird das Ganze etwas heikler. Der Beruf deines Ausgehpseudonyms sollte sich möglichst von dem deines Gegenübers abheben. Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass die Person vor dir mehr Ahnung von dem hat, was du da faselst, als du selbst. Hast du es mit einem Arzt zu tun, solltest du definitiv in die geisteswissenschaftliche Ecke tendieren. Vielleicht bist du ja Autorin und schreibst grad einen Erotikroman über deine Zeit als Walfängerin am Nordpol. Steht jedoch ein Philosophie-Student im 13. Semester vor dir, kannst du ihm problemlos faszinierende Erkenntnisse aus dem Reich der Astrophysik darbieten. Nach der ersten mathematischen Formel wird er abschalten und alles abnicken, was du sagst.

Deine Pläne führen dich in weite Ferne.

Hier gilt eine Sache grundlegend: Du hast mit deiner erfundenen Identität den Grundstein für eine kurzweilige Bekanntschaft gelegt. Das bedeutet, dass du wahlweise am nächsten Tag zu einer langen Reise aufbrichst. Oder du musst zurück in deine Heimat. Denn auch, wenn man es dir nicht ansieht, du kommst eigentlich aus Japan, Kenia oder Südamerika. Naja, oder du stirbst eben bald. Hier kann bei Bedarf auch die Verbindung zur Krankheit geknüpft werden, die dafür verantwortlich ist, dass du trotz tiefer Falten und grauer Haare erst 22 bist. Wenn du psychopatische Veranlagungen hast (und das hast du zumindest ein bisschen, wenn du ein Ausgehpseudonym nutzt), kannst du natürlich auch versuchen, eine längerfristige Sache mit dieser Person einzugehen. Dann müsstest du dich aber schon auf eine ungesunde Art und Weise zu deiner neuen Identität hingezogen fühlen bzw. zum Manipulieren anderer Menschen.

Ein Ausgehpseudonym kann dir definitiv den Abend retten. Du kannst dich austoben und deinem Einfallsreichtum sind fast keine Grenzen gesetzt. Und selbst, wenn dein Gegenüber ahnt, dass du ihn verarscht, ist das nur halb so wild. Es kann durchaus sein, dass er trotzdem versucht, deine neu kreierte Identität aufrecht zu erhalten. In diesem Fall ist es sehr wahrscheinlich, dass du es auch mit einem Ausgehpseudonym zu tun hast. Und dann macht’s erst so richtig Laune.