Die Uni-Bibliothek jeder Stadt ist ein Ort der Beobachtung. Sehen und gesehen werden. Doch es gibt auch diese wenigen Begegnungen, die sich zu einer  (einseitigen) emotionalen Romanze entwickeln können.

Es ist wieder einer dieser Tage. Der kurze Kaffee nach dem Mittagessen zieht sich nun schon über eine Stunde hin. Das Wetter und eigentlich überhaupt auch dieses Leben ist definitiv zu schön, um jetzt schon wieder in diesen tristen Schuppen zurückzukehren und gelbe Farbe auf irgendwelche Kopien zu schmieren. Du sitzt mit deinem Bib-Partner wahlweise draußen oder vielleicht sogar in der Cafete und wägst kritisch ab, ob du dir nun wirklich noch einen dritten Kaffee holen solltest. Dabei beobachtet ihr den nicht abbrechenden Strom an Studenten, die die Pforten passieren und dabei grundsätzlich viel effektiver aussehen als man selbst.

Als du dich dann gerade auf den Weg machst und dir hinterhergerufen wird „Ach komm, was soll‘s, bring mir auch noch einen mit“, siehst du sie: Diese eine Person, von der du schwören könntest, dass du ihr noch nie begegnet bist, weil sie dir sofort aufgefallen wäre. Und jetzt erwidert diese mysteriöse Gestalt auch noch deinen Blick. So lauft ihr aneinander vorbei. Zeitlupe. Yes. Es gibt sie also doch. Diese Magie des ersten Blickkontakts. Zum Glück hast du dich gestern doch noch dagegen entscheiden, deine neuen schneeweißen Sneaker im Club zu zerstören. Dein Bib-Partner schaut dich und deine leeren Hände abwechselnd ungläubig an, als du ihm davon erzählst. Aber du bist davon überzeugt, dass das etwas ganz Besonderes war.

Du nimmst dir nun vor, öfter und länger in die Bibliothek zu gehen – sonst bekommst du deine Hausarbeiten nie rechtzeitig fertig. Jetzt muss wirklich mal rangeklotzt werden. Und so steigt die Anzahl und Länge deiner Aufenthalte merklich an. Und mit ihr selbstverständlich die Anzahl und Länge der Kaffeepausen. Selbstredend folgt in den kommenden Tagen ein wahres Feuerwerk an Blickkontakten. Spätestens als dir eine Begleitung bestätigt, dass deine Blicke erwidert werden und das alles wahrscheinlich keine einseitige Geschichte sei, wird es ernst: Du weißt nun, dass du höchstwahrscheinlich kein perverser Stalker bist. Also auf zum nexten Level: Anlächeln, oder vielleicht sogar grüßen? Eine solche Romanze kann dich vorübergehend in das unbeholfene geistige Alter eines vorpubertären Teenagers zurückversetzen.

Es kommt nun also der Moment, in dem alles zählt: Du nickst und lächelst und… dein nächster potentieller Lebensabschnittsbegleiter ist zwar etwas überrascht, grüßt jedoch verhalten zurück. Ein kleines Lächeln war auch dabei. Ganz sicher. Schicksal. Da ist es. Niemals hätte der picklige 13-jährige Teen, zu dem du geworden bist, gedacht, dass dieser triste Ort etwas so Wunderbares hervorbringen kann wie diesen Moment. Doch die wichtigste Entscheidung steht noch bevor: Belässt du es dabei und gefährdest nicht, was ihr euch mit all den Blicken aufgebaut habt? Oder gehst du aufs Ganze und brichst aus der Welt dieser bisher sehr einseitigen emotionalen Verbundenheit aus? Ein Kaffee zusammen trinken? Zu abgedroschen? Ach egal, ihr habt euch angelächelt. Diese Konvention wird man dir bestimmt liebend gern verzeihen. Es gibt nun drei Möglichkeiten, wie die Sache für dich ausgehen kann. Und alle werden dich enttäuschen.

Nummer 1: „Ich bin vergeben.“

Nummer 2: „Ja, können wir gern.“ (Mit einem breiten wahlweise bayerischen, schwäbischen oder sächsischen Akzent)

Nummer 3: Ihr lernt euch kennen und diese Person ist nicht annährend so spannend, wie all die Eigenschaften, die du ihr aufprojiziert hast.

Kein Wunder, du lechzt an einem kahlen Ort wie diesem nur so nach einem kleinen emotionalen Abenteuer. Eine Romanze, die in der Uni-Bibliothek entsteht, ist jedoch nicht dafür bestimmt, mehr zu sein. Sie gibt dir immer das, was du im Moment brauchst. Sie bewahrt dich davor, eine gefühllose Lernmaschine zu werden. Und das macht sie so wichtig.